Wenn ich bei einem anderen Menschen hauptsächlich das Außere sehe, dann nehme ich nur die Unterschiede wahr, das, was uns trennt; dringe ich aber bis zum Kern vor, so nehme ich unsere Identität wahr, ich merke dann, daß wir Brüder sind. Diese Bezogenheit von einem Kern zum anderen, anstatt von Oberfläche zu Oberfläche, ist eine Bezogenheit aus der Mitte (central relatedness). Simone Weil drückt dies besonders schön aus, wenn sie bezüglich des Bekenntnisses »Ich liebe dich«, das ein Mann zu seiner Frau spricht, bemerkt: »Die gleichen Worte können je nach der Art, wie sie gesprochen werden, nichtssagend sein oder etwas ganz Außergewöhnliches be-deuten. Die Art, wie sie gesagt werden, hängt von der Tiefenschicht ab, aus der sie beim Betreffenden stammen und auf die der Wille keinen Einfluß hat. Durch eine ans Wunderbare grenzende Ubereinstimmung erreichen sie in dem, der sie hört, genau die gleiche Tiefenschicht. So kann der Hörer erkennen, was die Worte wert sind, sofern er hierfür überhaupt ein
Unterscheidungsvermögen besitzt.«
(S. Weil, 1952, S. 117)