Die Liebe der Mutter bedeutet Seligkeit, sie bedeutet Frieden, man braucht sie nicht erst zu erwerben, man braucht sie sich nicht zu verdienen. Aber diese Bedingungslosigkeit der Mutterliebe hat auch ihre negative Seite. Sie braucht nicht nur nicht verdient zu werden - sie kann auch nicht erworben, erzeugt oder unter Kontrolle gehalten wer-den. Ist sie vorhanden, so ist sie ein Segen; ist sie nicht vorhanden, so ist es, als ob alle Schönheit aus dem Leben verschwunden wäre, und ich kann nichts tun, um sie hervorzurufen.
Die Bedürfnisse des anderen werden ebenso wichtig wie die eigenen - ja tatsächlich noch wichtiger als diese. Geben ist befriedigender, freudvoller geworden als Empfangen; Lieben ist wichtiger geworden als Geliebtwerden.
Dadurch, daß der junge Mensch liebt, ist er aus der Gefangniszelle seines Alleinseins und seiner Isolierung herausgelangt, die durch seinen Narzißmus und seine Ichbezogenheit bedingt waren. Er erlebt ein neues Gefühl der Einheit, des Teilens und des Einsseins. Was noch wichtiger ist, er spürt in sich das Vermögen, Liebe durch Lieben zu wecken und nicht mehr abhängig davon zu sein, geliebt zu werden und aus diesem Grund klein, hilflos und krank - oder
»brav« bleiben zu müssen. **Infantile Liebe folgt dem Prinzip: »Ich liebe, weil ich geliebt werde.« Reife Liebe folgt dem Prinzip: »Ich werde geliebt, weil ich liebe.« Unreife Liebe sagt: »Ich liebe dich, weil ich dich brauche. « Reife Liebe sagt:
»Ich brauche dich, weil ich dich liebe.« **