Ich verstehe auch hier das Anliegen Fromms. Er will deutlich machen, dass es in der Liebe um etwas Tieferes und anderes geht als um einen "Egoismus zu zweit", nach dem Motto: Ich gebe dir, damit ich von dir bekomme. Was er aber dabei - jedenfalls in seiner Theorie, wahrscheinlich nicht in seiner eigenen Lebenspraxis - übersieht, ist, dass die Partnerliebe nur lebendig bleiben kann, wenn es in ihr Gegenseitigkeit, Wechselseitigkeit und damit auch Fairness gibt.
Wenn einer der beiden Partner auf die Dauer das Gefühl hat, er kommt schlechter weg, er gibt immer nur und be kommt nichts zurück, wenn es also auf Dauer ungerecht zugeht in der Beziehung, kann meiner Erfahrung nach die tiefste Liebe recht schnell aufgebraucht werden. Das scheint ein typischer Unterschied zwischen der Eltern-liebe und der Partnerliebe zu sein: die Elternliebe ist einsei-tig. Sie gibt, und es ist angemessen, wenn die Kinder nicht auf der selben Ebene zurückgeben, sondern, das was sie erhalten haben, weitergeben. Aber eine Liebe zwischen Partnern kann auf die Dauer nur lebendig bleiben, wenn sie wechselseitig ist: und das heißt, wenn beide viel einander geben und viel voneinander nehmen, also wenn beide im intensiven Wechselspiel von Geben und Nehmen bleiben.
Wenn ich die konkrete Lebenspraxis vieler Paare anschaue, kann ich der Auffassung Fromms nicht folgen, dass die schöpferische Liebe des einen gewissermaßen notwendiger Weise die Liebe des anderen weckt. Ich erlebe oft, dass der eine aus ganzem Herzen gibt und gibt, und der andere, weil er sich vielleicht vom Beruf völlig auffressen lässt, immer weniger gibt und nur noch nimmt und nimmt. Das wird auf die Dauer ein Ausbeutungsverhältnis, das die Liebe erstickt. Darum ist es für die Beziehung existentiell, dass immer wieder ein fairer Ausgleich