„Erste primären Widerstand: Darunter wird der gewaltsame Widerstand gegen das Eindringen der Eroberer, häufig mit dem Ziel der Verteidigung der vorkolonialen Ordnung, verstanden. Frühe Widerstandsbewegungen konnten jedoch auch (etwa im marokkanischen Rifgebirge) der Schaffung neuer Ordnungen dienen, die den vorkolonialen Machtverhältnissen ebenso wie der kolonialen Fremdherrschaft entgegengesetzt waren. Generell lässt sich sagen, dass weniger die militärische Eroberung an sich große, traditionalistisch orientierte Widerstandsbewegungen auslöste als die spätere Erfahrung mit Repression, mit den Forderungen des kolonialen Staates nach Arbeitskräften, Truppen und Steuern und mit der Bedrohung der angestammten Kultur durch Missionare.“
„Uneinigkeit unter den Opfern imperialer Aggression hat die Er oberung stets erleichtert. Solidaritat im Widerstand musste oft erst hergestellt werden. Die Europaer wurden mit Hilte jenes in- tellektuellen Repertoires wahrgenommen, das zur Erfassung des Fremden bereits vorhanden war. Das besonders Bedrohliche dieser neuesten Art von Fremden wurde nicht überall sofort er- kannt. Deshalb ist es auch problematisch, «Kollaboration und Widerstand» als prinzipielle, moralisch eindeutig bewertbare Haltungen zaufzufassen. In der Grauzone zwischen Anpassung und Widerstand waren viele Alltagskompromisse möglich. Im Extremfall wurden direkte Berührungen mit dem Herrschafts- system vermieden.
Ebenso ist es zu grob, die Widerstands- und Einflussmöglich keiten in kolonialen Situationen auf die Alternative zwischen Machtlosigkeit und Militanz, zwischen passivem Opferschick- sal und organisierter Gegenwehr zu reduzieren. Idealtypisch lassen sich drei Typen widerständigen Agierens unterscheiden.“
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Wichtig waren gewisse organisatorische Vorteile der Europäer: eine kompakte und strikt zielorientierte, also etwa v Prestigefragen absehende Heeresorganisation mit eindeutig Kommandostrukturen, bei der jeder vakante Kommandopost augenblicklich neu besetzt werden konnte, sowie die im eur päischen Staatensystem anerzogene «machiavellistische» Berei schaft zu taktischer, jederzeit einen Frontwechsel erlaubende Bündnispolitik. So ist in Indien die militärische Eroberung durc die diplomatische Beteiligung der East India Company am ein heimischen politischen Spiel vorbereitet worden.“
„In der Regel erreichten die Erobrer jedoch ihre Ziele. Warum? Die waffentechnische Überlegerheit der Europäer spielte nicht immer eine so große Rolle wi 1898 bei der Schlacht von Karari (Omdurman), als die mi Schnellfeuerwaffen ausgestatteten Briten 49 und die Sudanesen ca. 11000 Tote zählten. Ein zweites Element der Erklärung ist die geschickte Manipulation einheimischer Symbole in einer kognitiv unbeweglichen Umgebung, gewissermaßen überlegene Ad-hoc-Propaganda, wie man sie vor allem bei Hernán Cortés gefunden hat." Wenige andere nicht-europäische Zivilisationen waren allerdings so unzureichend auf fremde Eroberer einge- stellt wie die Azteken, und nur wenige pflegten solch extravagante Vorstellungen wie die Erwartung «<weißer Götter», die sich die Spanier zunutze machten. Die Maori auf Neuseeland etwa, <<nackte Wilde>> in den Kategorien des viktorianischen England, bewiesen eine enorme Lernfähigkeit und Geschicklichkeit, die es ihnen erlaubte, sich zwischen 1845 und 1869 gegen eine immense materielle Übermacht militärisch zu behaupten.“
„Deshalb kann man hier in Abwandlung von Donald Meinigs Modell säuberlicher zwischen den drei Phasen (1) Erstkontakt bzw. Niederlassung, (2) Eroberung und (3) Konsolidierung unterscheiden.“