„Der Narzissmus im klinischen Verstande meint etwas anderes als di geläufige Vorstellung vom Verliebtsein in die eigene Schönheit: strenger gefaßt, als Charakterstörung, bezeichnet er eine Selbstbezogenheit, die nicht mehr zu erkennen vermag, was zur Sphäre des Selbst und der Selbst-Gratifikation gehört und was nicht. Zum Narzißmu gehört die bohrende Frage, was diese Person, dieses Ereignis für mich bedeuten«. Diese Frage nach der »Relevanz« anderer Menschen oder äußerer Handlungen für die jeweilige Person wird immer wieder von neuem gestellt, so daß die deutliche Wahrnehmung der Personen und Handlungen getrübt wird. Seltsamerweise verhindert gerade diese Versenkung ins eigene Selbst die Befriedigung der Bedürfnisse dieses Selbst; sie bewirkt, daß die Person in dem Augenblick, da sie ein Ziel erreicht hat oder mit einer anderen Person Verbindung aufnimmt, das Gefühl hat: »Das ist es nicht, was ich wollte. Der Narzißmus besitzt also die doppelte Eigenschaft, die Versenkung in die Bedürfnisse des Selbst zu verstärken und zugleich ihre Erfüllung zu blockieren. Narzißtische Charakterstörungen sind die häufigste Ursache psychi schen Leidens, mit der es die Therapeuten heute zu tun haben. Die hysterischen Symptome, die in der erotischen und zugleich repressi ven Gesellschaft, in der Freud lebte, die Oberhand hatten, sind weitgehend verschwunden. Narzißtische Charakterstörungen haben deshalb so zugenommen, weil die heutige Gesellschaft ihre inneren Ausdrucksprozesse psychologisch organisiert und den Sinn für sinn volle soziale Interaktionen außerhalb der Grenzen des einzelnen Selbst unterminiert. Bei der genaueren Bestimmung dieses Leidens müssen wir sehr vorsichtig verfahren, um die Umgebung, in der es eine soziale Form angenommen hat, nicht zu verfehlen. Diese