Civaknas

„Für das Bürgertum des 19. Jahrhunderts war die Erotik fast vollstän dig in Angst gehüllt und wurde daher nur durch den Filter der Verdrängung zum Ausdruck gebracht. Alles sexuelle Handeln war von einem Gefühl des Verstoßes oder der Verletzung überschattet einer Verletzung des Körpers der Frau durch den Mann, einer Verlet zung des gesellschaftlichen Anstands durch die Liebenden, einer Verletzung noch tiefer verwurzelter Moralvorstellungen durch die Homosexuellen. Weite Teile der modernen Gesellschaft haben gegen die damit verbundene Angst und Verdrängung rebelliert, und das war gut so. Aber aufgrund der spezifischen Art, in der sich die Ideale der Intimität in der heutigen Vorstellungswelt niedergeschlagen haben, richtete sich diese Rebellion auch gegen den Gedanken, daß die körperliche Liebe ein Handeln ist, auf das sich Menschen einlassen, für das es, wie für jedes gesellschaftliche Handeln, Regeln, Grenzen und notwendige Fiktionen gibt, die dem Handeln erst seine spezifische Bedeutung verleihen. Statt dessen ist der Sex zur reinen Selbst Offenbarung geworden. Eine neue Sklaverei ist an die Stelle der alten getreten.“
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„Die viktorianische Erotik bezog sich auf soziale Zusammenhänge, Sexualität bezieht sich auf persönliche Identität. Erotik bedeutete, daß der sexuelle Ausdruck in Handeln einging- in Handlungen der Wahl, der Verdrängung, der Interaktion. Sexualität dagegen ist kein Handeln, sondern ein Zustand, aus dem sich der Liebesakt fast automatisch, als natürliches Resultat, ergibt, wenn Menschen sich intim miteinander fühlen.“
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„In den vergangenen hundert Jahren hat die körperliche Liebe eine Neubestimmung erfahren; sie erscheint nicht mehr als Erotik, son dern als Sexualitat.“
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“In der modernen Gesellschaft nimmt das Problem der Öffentlichkeit eine doppelte Gestalt an. Verhaltensweisen und Fragestellungen, die unpersonlich sind, erwecken keine große Leidenschaft; sie erwecken erst dann Leidenschaft, wenn die Menschen fälschlich mit ihnen umgehen, als handele es sich um etwas Persönliches. Dieses Problem von Öffentlichkeit erzeugt innerhalb des Privatlebens ein weiteres Problem. Die Welt intimer Empfindungen verliert alle Grenzen; sie wird nicht mehr von einer öffentlichen Welt begrenzt, die eine Art Gegengewicht zur Intimität darstellen würde. Der Zerfall des öffentlichen Lebens deformiert also auch die intimen Beziehungen, die nun sämtliche Interessen der Menschen mit Beschlag belegen.”
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Richard Sennett
8.9/10 · 133 okunma